Grünerer Kapitalismus

Zwischen Post-Wachstum und Wildemann-Kolloquium: Warum sind die Welten noch immer so weit auseinander?

Foto: gizos / Quelle: iStockphoto

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Ich weiß es, bin es seit 40 Jahren gewohnt und versteh’ es doch bis heute nicht: Ich meine die Kluft der Welten. In Deutschland gibt es eine immer größere Schar wachstumskritischer Idealisten, oft kluge Leute. Auf der Jahrestagung meiner NGO stellten sie möglicherweise die Mehrheit, im antikapitalistisch/öko-bewegten Biotop Berlin.
Nur vier Tage später bin ich bei Prof. Wildemanns 20. Münchner Management Kolloquium. Hier v.a. Männer in grau und schwarz, die großteils schon erste Schritte von grauem zu etwas grünerem Wachstum einschlagen. Doch größere Unterschiede als zwischen den beiden Tagungen kann es kaum geben. Die Mehrzahl der Berliner Tagungsteilnehmer schien vom heute überwiegend noch grauen BIP direkt zur Post- oder De-Growth-Ökonomie übergehen zu wollen, ohne sich mit der Zwischenlösung grünes Wachstum erst lang aufzuhalten. Die Mehrzahl der Münchner machte den Eindruck, dass ihnen immer noch das Wachstum als solches am wichtigsten sei, erst sekundär dessen Färbung.
Dabei liegen die Lösungen doch in der Luft. Die Industrie darf die Natur nicht länger wie Feindesland behandeln, das es zu erobern gilt. Nachhaltige Co-Evolution ist die Devise, menschlicher Erfindergeist im Einklang mit den Naturgesetzen, mit wiederholbaren Kreisläufen und ohne Gift, CO2, Müll oder Ressourcenverschleuderung. In Berlin entstand immerhin ein intensiver Dialog zwischen Suffizienz-Freunden und Fans des grünen Wachstum. In München gibt es kaum Kontroversen: Alle finden Produktivitätssteigerung und Wachstum gut. Wenigstens über Rebound-Effekte hätte man dort ja mal diskutieren können. Solange wir die nicht durch ehrgeizige Reduktionsziele und strenge Leitplanken unser Wachstum in die richtige Richtung lenken, werden die Gegner selbst grünen Wachstums recht behalten: Bei der unreflektierten Jagd nach Produktivitätsgewinnen bleibt allzu oft die Natur auf der Strecke, trotz vordergründiger Effizienzgewinne. Wer nicht weniger, sondern nur besseres Wachstum will, kann schon morgens damit beginnen. Etwa altmodische Rasierschaum statt den aus der Aluspraydose nehmen. Oder altmodische Seife statt der müllintensiven Flüssigseife. Beides hält auch viel länger. Bei größeren Ausgaben sind z.B. alte Gemälde besser als neue Geländewagen.

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