Seminar bei Assig&Echter
Der Kodex der Könige

Foto: PeskyMonkey Quelle: iStockphoto

Schon vor gut einem Jahr lobte ich das gemeinsame Buch von Dorothea Assig und Dorothee Echter, Ambition. Auf einem Seminar im Münchner Literaturhaus konnte ich die Theorien näher kennenlernen. Seit Jahrzehnten erforschen die klugen Dorotheen die Unterschiede zwischen mittlerem Management (MM) und Top Management (TM). Karrieren verlaufen nicht in einem Kontinuum, wo man Jahr für Jahr Einfluss, Einkommen und Erfolg in kleinen Dosen steigert. Natürlich sind die Übergänge in der Wirtschaft etwas weniger krass als in klerikalen oder militärischen Hierarchien.
Die Wahl eines Dekans oder Weihbischofs zum Bischof ist schon formell ein großer Schritt, ähnlich wie der Übergang von Feldoffiziersrängen vom Leutnant bis zum Major in Richtung Generalstabsoffizier. In der Wirtschaft sind die Unterschiede  weniger formell, aber mindestens ebenso (insbesondere beim Einkommen) frappierend. Im MM beweist man sich durch Fleiß, Kompetenz und Erfolge, man überzeugt durch möglichst gute Argumente, man betreibt eifriges  Netzwerken, man profiliiert sich durch Kritik, man muss Erwartungen erfüllen und besser als die Kollegen sein.
Will man zum TM gehören, muss man solche Einstellungen und Haltungen schrittweise ablegen. Man übernimmt Gesten und Kodices der Elite. Man hört auf, sich für Kleinkram zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Aber man ist höflich und beantwortet jede Einladung. Man verkehrt auf Augenhöhe und gewinnt Gehör im Kreis einer Community, von Persönlichkeit zu Persönlichkeit. Die Leistungskompetenz, ohne die man aus dem MM nicht herauswachsen kann, bleibt weiterhin Grundlage.  Aber sie steht nicht mehr im Vordergrund.
Abweichende Meinungen werden nicht mehr kritisiert, eher ignoriert. Sind Aristokraten bessere, edlere, gemeinnützigere Menschen als der gemeine Bürger? Nicht unbedingt. Oft verstecken sie ihre Eigensucht nur besser. Aber zu ihrer Erziehung gehört ein Umgang mit anderen, der überflüssige Konflikte vermeidet, eine Klima der Wertschätzung schafft und bei aller Höflichkeit dennoch Distanz bewahrt. Gegenbeispiele nicht ausgeschlossen. Als Juan Carlos von Spanien Hugo Chavez über den Mund fuhr (¿por qué no te callas?), da zeigte er, dass auch Grobheit zum royalen Repertoire gehören kann  – nur braucht ein König sie selten. Letztlich durchleuchten Assig und Echter die unsichtbare Aristokratien der modernen Wirtschaft und deren erstaunlich genau beschreibbaren Esprit de Corps.

Kategorien: Allgemein | Tags: , , , , , , , , , , , , , , . | Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *