Fehlsteuerungen der Wirtschaft
Von der ersten Klasse zur sechsten Problemebene

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Diesen Blog widme ich meinem Freund Roy, der sich Gedanken über Lotto- und Dopingkorruption im Sport macht. Für Manager sind Erste-Klasse-Flüge vielleicht auch eine Art Doping. Dem IGM-Vorstand Bernd Eichler wurde das zum Verhängnis, er muss 2014 den Thyssen-Aufsichtsrat verlassen. Die IG Metall will nicht, dass ihre Aufsichtsräte erste Klasse fliegen.
Doch so erreichen wir gerade mal die erste Problemebene. Ebene zwei erreicht man mit der Frage, ob Gewerkschafter Aufsichtsräte zweiter Klasse sind. Wahrscheinlich landet man dann schnell bei der Antwort, dass in mitbestimmten Unternehmen eben kein Aufsichtsrat First Class fliegen sollte. Schon nahen wir uns Ebene drei: Warum müssen eigentlich Aufsichtsräte anderer, meist kleinerer Firmen, auf Kosten ihrer Aktionäre in der teuersten Klasse fliegen? Reicht nicht auch Business Class? Ich gehe davon aus, dass wir solche Fragen in Hauptversammlungen künftig öfter hören werden. In der Schweiz wird schon ganz anderes debattiert. Und wäre das nicht eine schöne Mittelstandsentlastung, wenn Aufsichtsräte nur noch Business flögen?
Als denkender Steuerzahler frage ich mich zudem, wieso ich Erste-Klasse-Flüge mitfinanzieren muss. Damit sind wir schon bei der vierten Problemebene: Dem berühmten Nettoprinzip der Besteuerung.  Im Ursprung ist dies ein vernünftiger Grundsatz. Kein Staatsbürger soll mehr versteuern als das, was nach notwendigen Aufwänden übrig bleibt. Deshalb darf der deutsche Staat die fragwürdige Pendlerpauschale zwar kürzen, aber nicht ersatzlos streichen. Bei der Firmenbesteuerung bedeutet der Grundsatz, dass Betriebsausgaben die Steuerlast senken und die unternehmerische Freiheit zu achten ist. Die Wahl eines Hotels oder Verkehrsmittels soll dem Unternehmen freigestellt bleiben. Doch gerade bei Themen wie Reisen, Bewirtung oder der Ausstattung von Managerbüros ist die Grenzziehung zwischen betriebsnotwendiger Ausgabe und persönlichem Luxus besonders heikel.
Ein überzogenes Nettoprinzip wirkt dort am gefährlichsten, wo es zu einer krassen Subventionierung ökologisch fragwürdigen Verhaltens führt. Damit erreichen wir Problemebene fünf. Ein Erste-Klasse-Flug verursacht 30 bis 50 Prozent mehr Emissionen als Business. Oder nehmen wir das deutsche Dienstwagenrecht. Anders als die meisten Länder Europas enthält das unsrige keine Obergrenzen beim Kaufpreis eines Dienstwagens. Jeder Zahnarzt kann seinen Porsche als betriebsnotwendiges Transportmittel steuermindernd gelten machen. Ist das gerecht, sozial oder nachhaltig? Es wird Zeit, dass Gesetzgeber und Gerichte strenger definieren, wo die Betriebsnotwendigkeit endet und der private Luxus beginnt. Nicht nur Steuerzahler, auch Aktionäre und Umwelt dürften es ihnen danken.
Für mich gibt es im Fall Thyssen noch eine sechste Problemebene. Wenn einer als korrumpierbar gilt, dem man ein Erste-Klasse-Ticket geschickt hatte, was gilt von dem, der das Ticket geschickt hat? Nur so eine Frage.

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2 Antworten auf Fehlsteuerungen der Wirtschaft
Von der ersten Klasse zur sechsten Problemebene

  1. Michael sagt:

    Wo gehobelt wird da fallen Späne. Und wenn ein guter Unternehmer Gutes leistet, dann soll er auch ein paar Annehmlichkeiten bekommen. Aber das Probelm ist das wir keine guten, innovativen Unternehmer mehr habe.

    „Seit Jahren sind [bei Siemens] keine namhaften Innovationen mit langem Vorlauf wie beispielweise die Piezotechnik vorzuweisen“
    http://www.managerismus.com/themen/unternehmen-branchen/denkzettel-nr-24

    Aber die Manager, Gewerkschaftsfunktionäre oder Compliance Berater feiern sich selbst masslos als wäre der Absolutismus gerade an die Börse gegangen. Und das fängt, richtig, bei First Class an und endet in der Gellert Therme. Wer arbeitet soll auch gut Essen, aber wer arbeitet, im schöpferischen Sinne, von unserer selbstbezogenen Wirtschaftselite schon?

  2. Ich teile diese Sichtweise, Anselm,

    zudem: Ein Erster-Klasse-Flug ist eine Art Epaullette, die in unserer Welt, so wie sie noch geprägt ist, zeigt: „Ich bin wichtig – und etwas ganz Besonderes“.

    Ich kann sie daher durchaus auch als Krücke zur Unterstützung eines wackeligen Selbstbewusstseins sehen.

    Deshalb werden die im Geschäftsleben auch so gern angenommen, aus welcher Quelle sie auch immer bezahlt werden – Hauptsache, ich zahle das nicht selbst! Gewerkschafter der ersten Stunde würden kotzen!

    Stars und sonstige Menschen, die Luxus-Sitze und Luxus-Futter aus eigener Tasche bezahlen (wenn sie es tatsächlich tun!) sollen aus meiner Sicht so viel erster Klasse fliegen, wie sie wollen.