Wirtschaftsstandort Deutschland – reicht uns das?

Photo: princesse rosée/Quelle: photocase.com

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Weinerliche Wirtschaftslobby, kindliche Kundenlandschaft

Wochenendlektüre ist nicht immer vergnüglich, warum gehe ich nicht lieber wandern oder bergsteigen? Doch so liege ich bequem auf der Gartencouch und wundere mich über so viel Weinerlichkeit. Hohe Energiepreise gefährden den Wirtschaftsstandort. Sind wir nicht immer noch Zweiter im Weltexport, gleich hinter China? Macht unsere Exportstärke den europäischen Wettbewerbern nicht jetzt schon das Leben schwer genug? Deutschlands Wettbewerbsvorteil kann weder auf Billigenergie beruhen noch auf Niedriglöhnen.

Dann schlage ich Faszination Speed auf, das motorsport.lifestyle.magazin der Deutschen Post. Hatte ich in letzter Zeit zu viele Eilbriefe aufgegeben? Kommt unser Briefträger demnächst mit dem Rennradl angefegt? Irgendjemand hat die gute alte Post ausgerechnet mit der Formel 1 verkoppelt. Wer um Himmels willen hat den vielen Ex-Meckies dort diesen Werbeschmarrn eingeredet? Mir reicht es vollauf, wenn der sympathische Postler-Golf pünktlich kommt. Ich wünsche mir eine zuverlässige und schnelle Post, aber doch keine rotierenden Boliden! Noch will ich mit jeder Briefmarke Bernie Ecclestone subventionieren. Immerhin war Daimler-Benz so klug, sich von diesem Zirkus zu verabschieden. Bravo!

Selber schuld, wenn ich gleich danach noch die ADAC-Motorwelt lese. Gut geschrieben ist sie ja. Doch gleich im Leitartikel klagt Christoph Franz über die schreckliche Luftverkehrssteuer. Angeblich verlor die deutsche Luftfahrt ihretwegen eine Milliarde Euro und fünf Millionen Passagiere. Bei den meisten Flügen macht die Ticket Tax nur 7,50 Euro aus, dabei umfassen diese Kurzstrecken ganz Europa, Grönland und den Maghreb, mit Russland sogar bis nach Sibirien. Nur wer weiter fliegt, muss Zuschläge von 24, maximal 42 Euro bezahlen. Deswegen sollen fünf Millionen Paxe geflohen sein?  Man muss nicht alles glauben, das zeigt eine FÖS-Studie. Später  im Heft wieder viel Mitgefühl für die Benzinwut der Autofahrer. Dabei muss ein Normalarbeitnehmer heute für 100 Kilometer Autofahrt nur ca. 30 Minuten arbeiten – 1960 wären dafür etwa zwei Stunden nötig gewesen. (Quelle: ZEIT online, Fritz Vorholz, 04.04.2012)

Im gleichen Heft dann ein Artikel zu Fernbussen. Ich finde Wettbewerb gut. Ein Bahnmonopol auf der Fernstrecke passt nicht in die Marktwirtschaft. Und ein voller Bus belastet das Klima wohl weniger als eine halbleere Bahn. Aber warum konnte die Koalition nicht fordern, dass innerdeutsch nur Öko-Busse fahren? Das gäbe auch noch Technik-Impulse.

Eigentlich ist es einfach, Deutschlands kann mehr. Wir müssen gleichzeitig Wirtschaftsstandort, Sozialstandort und Umweltstandort sein. Nur in umgekehrter Reihenfolge. Planet, people, profit – erst so herum wird’s nachhaltig. Andersrum wäre zu kurz gesprungen. Zum Glück macht die SZ-Lektüre mehr Spaß, zum Beispiel am 17.07.12. Da erklärt Marlene Weiss, warum der Strom noch viel zu billig ist. So lang noch überall, ob Heim oder Büro, die Standby-Lämpleinleuchten, bleibt das Preissignal weit unter der Grausamkeitsgrenze.

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2 Antworten auf Wirtschaftsstandort Deutschland – reicht uns das?

  1. Heiner Junge sagt:

    treffend formuliert; vermisse Ihre Gedanken zur gegenwärtigen Schuldenkrise. Vielleicht beim nächsten blog.

    Grüße aus dem regnerischen Hamburg
    Ihr
    Heiner Junge

  2. Michael sagt:

    Lieber Anselm,

    „Wer um Himmels willen hat den vielen Ex-Meckies dort diesen Werbeschmarrn eingeredet?“

    das können die doch schon ganz gut alleine. Postdienstleistung mit dem zitierten Post-Golf ist doch keine zukunftsfähige Branche mehr. Kein Denglisch, keine Performance und kein Grund warum man sich wichtig machen kann.

    Die Analyse stimmt, aber wer erklärt dem politischen Kaiser das er keine Kleider an hat?

    Viele Grüße aus Bad Kreuznach,

    Michael

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