Stunden der Wahrheit im Kontext einer Bodenseeüberquerung

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Die beste Landverbindung zwischen München und Zürich bieten immer noch die alten ECs, die die Strecke mehrfach täglich machen. Vorne hängt eine der uralten 218-Dieselloks, rot und kantig. Obwohl die Schweizer dem Freistaat für die Elektrifizierung der Allgäubahn (ehemals Teil der Ludwig-Süd-Nord-Bahn) 50 Millionen Euro vorstrecken, ist der Streckenabschnitt Geltendorf-Lindau noch immer ohne Oberleitung. Bis endlich der Festlandsbahnhof Lindau-Reutin kommt, muss (darf?) der Zug wohl noch viele Jahre in den herrlichen altmodischen Inselbahnhof einfahren. Der Lokwechsel macht es nicht schneller.

Trotz solcher Hemmnisse fahren wir nach exakt vier Stunden im Flughafen Zürich ein, wo wir einem Kunden zwei erfahrene Handelssanierer vorstellen. Nach einem der Gespräche wundert sich ein Kundenvertreter: „Ihre Kandidaten machen das ja sehr eloquent – als ob sie es geübt hätten“. In der Tat: Wenn der typische festangestellte Manager vielleicht alle fünf Jahre ein Vorstellungsgespräch bei neuen Arbeitgebern hat, so erlebt dies ein Interim Professional nicht selten fünf bis sechs Mal jährlich.

Trotzdem werden solche Vorstellungen für keinen Interimer und keinen Provider jemals Routine sein. Dies ist unser Augenblick der Wahrheit. Hier geht es ums Ganze, insbesondere für die Kandidaten. Für den Provider ist es ökonomisch wichtig, in diesen harten Zeiten zählt jedes Projekt, klaro. Für den Interim Manager ist es noch viel elementarer. Für ihn geht es darum, ob er die nächsten Monate wieder einen Job hat oder nicht. Bei nicht wenigen lag ja das letzte Projekt oft schon eine ganze Weile zurück. Solche Gespräche sind wichtig. Niemand nimmt sie auf die leichte Schulter. Und nirgendwo lernen wir unsere Professionals besser kennen. Unsere Gegenüber sind nur scheinbar vergnügliche Gesprächspartner. In Wirklichkeit achten sie auf jedes Wort und jede Geste – eben Profis.

Am Dienstag fahre ich mit einem der beiden Bewerber nach München. Der Kunde gab uns schnell das Feedback, welcher unserer beiden Kandidaten ihm besser gefiel. Noch so ein Wahrheitsmoment. Der andere ist noch im Rennen, gegen weitere Konkurrenten. Diesmal gibt es den direkten EC nicht passend. Will man nicht erst zwei Stunden auf den Flieger warten und dann 600 € für 45 Flugminuten bezahlen, bleibt nur die allermalerischste Verbindung: Mit der Fähre von Romanshorn nach Friedrichshafen.

So sitzen wir nun mit unseren Anzügen und Rollköfferchen inmitten einer Ausflugsgesellschaft älterer Damen und trinken Milchkaffee. Die Sonne scheint, man sieht alle Ufer. Immerhin drohen uns keine Überraschungen wie damals dem Reiter, der ahnungslos über den zugefrorenen See geritten war. Als er am anderen Ufer ankam und dies erfuhr, soll er tot vom Pferd gefallen sein. Unser Moment der Wahrheit war weniger hart.

Mit vier verschiedenen Zügen und einem Schiff brauchten wir fünf Stunden, um nach München zu kommen. Im Auto wäre das schneller gegangen. Aber wer will schon dreieinhalb Stunden nur Verkehrstafeln und Kennzeichenschilder lesen?

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