Interim Management und ich: Bin ich kompetent genug für meinen Job?

Ich arbeite schon lange im Interim-Geschäft. Acht Jahre um genau zu sein. Ich habe schon viel erlebt: Ich wurde gelobt und kritisiert, mal freundlich, auch mal unfreundlich behandelt, manchmal kommt Dank, manchmal nicht – das alles spielt sich meist auf einer konstruktiven Ebene ab, Kritik geht oft einher mit Verbesserungsvorschlägen. Wir arbeiten zusammen, die Interim Manager und ich.

Ich mache meinen Job gern – und bisher dachte ich auch immer, gut. Ich schätze den persönlichen Kontakt, kommuniziere gern und bin immer offen für neue Ideen und Ansätze. Aber es gibt Momente, da frage auch ich mich, warum ich bei über 30 Grad im glühend heißen Büro sitze und mich mit Menschen auseinandersetze, die mein Engagement gar nicht verdienen.

Was ist passiert? Vor gut drei Wochen erhielt unser Geschäftsführer Dr. Görres einen Brief (jawohl, einen richtigen Brief, er kam mit der Post), in dem ihm ein Interim Manager kurz seinen Werdegang schilderte, der Brief endete mit der Bitte um ein persönliches Gespräch: Denn bevor ich mich bei Ihrem Haus online um die Aufnahme in Ihren Expertenpool bemühe, würde ich gern im Vorfeld mit Ihnen oder anderen Vertretern Ihres Hauses ein persönliches Gespräch führen. Ein anderer Vertreter – das bin ich.

Foto: Ricardo Infante Alvarez/Quelle: iStockphoto

Ich bat den Bewerber – nennen wir ihn ab sofort Mr. X – um einen ausführlichen CV (der immer Grundlage eines Gesprächs ist) und bot ihm einen Telefontermin an. Relativ rasch bekam ich den CV (man staune, per eMail) und vereinbarte ein Ersttelefonat, zu dessen Vorbereitung ich mir den Lebenslauf natürlich genauer ansah. Zwei Seiten, viele Schlagwörter ohne Aussagekraft, von 1981-1990 in der Firmenkundenbetreuung bei drei verschiedenen Banken, danach nur noch eine Station: 1990–heute Prozess- und Projektmanagement für Liquidität, Kapital und Nachfolge, sowie Restrukturierung und Konsolidierung, auf selbstständiger, freiberuflicher Basis.

Mhm, damit kann ich nicht viel anfangen, was genau hat er wohl die letzten 21 Jahre gemacht und in welche Projekte will er von ZMM vermittelt werden? Zu Banken? Oder in den Mittelstand? Und wenn Mittelstand als was? CFO? Am Ende sogar CRO? Egal, das Telefonat sollte genau diese Fragen klären.

Das Gespräch dauerte 45 Minuten. 45 Minuten meiner knapp bemessenen, wertvollen Arbeitszeit. In den 45 Minuten versuchte ich mehrfach durch Fragen zu verstehen, was genau Mr. X in den vergangenen Jahren gemacht hat: Den Inhalt seiner Projekte, seine Kernkompetenzen, seine Branchenerfahrungen. Leider ohne Erfolg. Vielleicht lag es an Mr. X , der immer wieder die Worte Prozess- und Projektmanagement verwendete und mir erkläre, er könne die finanzwirtschaftlichen Probleme eines jeden Unternehmens lösen? Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich nichts von Lebensläufen, Qualifikationen und Erfahrungen verstehe, weil ich noch nicht lange genug in dem Geschäft arbeite? Wie auch immer, gegen Ende des Gesprächs erklärte ich Mr. X wiederholt (er wollte es nicht so recht einsehen), dass ZMM für ihn keine Vermittlungschancen sieht und wir ihn nicht in den Pool aufnehmen – ich vergaß an dieser Stelle zu erwähnen, dass ich ihm 200 Euro Registrierungsgebühr ersparte. Die Sache war für mich erledigt, bei den Akten, vergessen. Nicht aber für ihn.

Ein paar Tage später kam ein weiterer Brief (diesmal durfte die Post wieder etwas daran verdienen), persönlich gerichtet an Dr. Görres. Der Brief ist sehr lang, Auszüge daraus möchte ich hier gern mit den Lesern teilen:

Sehr geehrter Herr Dr. Görres,
(…) Ich möchte Sie kurz darüber informieren, dass ich gestern einen Telefontermin mit Ihrer Prokuristin und Qualitätsmanagerin Kerstin Beyreis hatte. (…) Frau Beyreis war zum einen völlig unvorbereitet in diesen Telefontermin gegangen, zum anderen scheint sie die Unterschiede zwischen Beratung und Prozess-/ Projektmanagement nicht griffbereit zu haben und ich hatte stark den Eindruck, dass sie mit den Begriffen meiner Erfahrungsliste sehr wenig anzufangen wusste. Dies äußerte sich darin , dass sie gleich eingangs sagte, sie könne mit meinem angeforderten Lebenslauf nichts anfangen und wisse nicht, was ich eigentlich so mache. Im Vorfeld zu diesem Termin hatte ich sie aber sogar noch per mail auf meine website hingewiesen, die mehr Details enthält.

Ohja, stimmt, die website hatte ich mir angesehen – dort steht bis auf ein paar wenige weitere Schlagwörter wie Ertragsverbesserung, Finanzplanung, Generationenwechsel, Ratingdiskussionen u. a. dasselbe wie im CV. Auch das hatte mir nicht wirklich dabei geholfen, ein Bild der Qualifikationen von Mr. X zu erstellen.

Da sie also anscheinend mit dem Bereich betriebs- und finanzwirtschaftliches Prozessmanagement überhaupt nicht anzufangen können schien (Deutsch ist aber auch eine schwere Sprache), teilte Sie mir mit, dass ich zwar als Berater zu dem Produkt rentaconsultant passen würde, dort aber hauptsächlich Berater für Produktion, Technik und Logistik gesucht werden. Das macht deutlich, dass sie die Abgrenzung zwischen Beratung und Prozessmanagement definitiv nicht präsent hatte.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich tatsächlich nicht mehr folgen kann – was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Sie teilte mir mit, dass Ihr Haus vornehmlich CFOs mit mehren, auch sehr kurzfristigen Stationen in einer Branche mit Linienfunktion suche, um diese dann in der gleichen Branche zur Entlastung Ihrer Kunden von Sozialversicherungsbeiträgen und Abfindungsrisiken herumzuschicken.

Das habe ich sicher genau so gesagt. Wie in aller Welt kommt er darauf?
(…) Weitere ähnlich formulierte Details erspare ich Ihnen. Frau Beyreis hat Ihnen sicher schon berichtet.

Natürlich hat Sie das, Frau Beyreis liefert über jedes wichtige und unwichtige Telefonat Dr. Görres sofort einen schriftlichen Bericht.
Aufgrund des Verlaufs dieses Gesprächs mit Ihrer Qualitätsmanagerin sehe ich auf heutiger Basis aus meiner Sicht (…) keine Möglichkeit für Ihr Haus tätig zu werden. (…) Ich bitte aus datenschutzrechtlichen Gründen um Löschung meines Lebenslaufes aus allen Ihren System (…).

Manchen Bitten entspricht man gern. Löschung erfolgt. Meinen Job mache ich übrigens immer noch gern.

 

Kategorien: Allgemein, Interim Management, ZMM | Tags: , , , , , , . | Bookmark the permalink.

6 Antworten auf Interim Management und ich: Bin ich kompetent genug für meinen Job?

  1. Also wer wirklich zweifelt, ob er/sie für den Job geeignet ist, sollte sich selbst hinterfragen und über eigene Stärken und Schwächen nachdenken. Wenn man dann meint, es passt so gar nicht, dann sollte man sich erst die Stellenanzeigen anschauen und dann erst den Wechsel anstreben.

  2. Sigfried sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel!

  3. Arvid sagt:

    Endlich ein guter Artikel, mein Dank. Muss man erstmal verarbeiten. Generell finde ich den Blog leicht zugaenglich.

  4. Thomas Dannerbauer sagt:

    Hallo Frau Beyreis!

    Die ersten Zeilen machten mich schon sehr neugierig was dieser Blog mir denn aus dieser geschäftigen Welt der „Interimler“ offenbaren will.

    Leider muss ich in meiner eigenen Branche (Luftfahrt) immer wieder feststellen, dass viele – auf gut Bairisch – Dampfpflauderer unterwegs sind. Obwohl extrem hochgestochene Anglizismen und kaum aussprechbare Abkürzungen verwendet werden wissen viele nicht was dahintersteht und auf was es wirklich ankommt! Kritisches Hinterfragen hat noch nie geschadet, auch wenn sich mancher auf den Schlips getreten fühlt!

    Diesen armen und wenig aufnahmefähigen Zeitgenossen können wir nur bedauern.

    Halten Sie uns bitte weiterhin auf so unterhaltsame Weise auf dem Laufenden!

    Viele Grüße
    Thomas Dannerbauer

  5. Franz X. Müller sagt:

    Hallo Frau Beyreis, nicht entmutigen lassen, es gibt leider solche Schaumschläger in unserer geschäftlichen Welt.
    mfg,fxm

  6. Bernd Hafner sagt:

    Hallo Frau Beyreis,

    na das habe ich gerne – erst die Messlatte hoch legen, und dann wundern, wenn so mancher darunter her spaziert! ;o)

    Beste Grüße aus Hamburg,

    Bernd Hafner.