Cowboys oder Menschen?

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Die Selbststilisierung mancher Branchenteilnehmer hat uns bei ZMM schon immer gestört. Samurai, Superman, Sankt-Georgsritter: All diese Bilder werden der Breite, Buntheit und Vielfalt unserer Dienstleistung nicht gerecht. Zum sorgsam gepflegten Mythos gehört auch, dass ein richtiger Interim Manager weder Heimweh noch Krankheit kennt.

Vor einiger Zeit starb ein Junge, der mit zwei meiner Töchter befreundet war, durch einen Unfall auf einer Abenteuerreise durch Australien. Ich selbst hatte ihn leider kaum gekannt. Richtig nachdenklich wurde ich letzte Woche, als mich ein naher Verwandter des Jungen anrief, beruflich seit vielen Jahren erfolgreich als Freelancer unterwegs. Er sei mit der Familie eng verbunden und wolle in dieser Situation nicht ständig auf Achse sein, sondern nah bei der Familie. Ob ich ihm helfen könne, Projekte im Münchner Raum zu finden.

Viel häufiger sind Fälle, wo der Lebensgefährte oder ein eigenes Kind erkrankt ist. In solchen Fällen überlegen sich auch hartgesottene Zeitmanager, ob sie nicht wieder eine Festanstellung anstreben sollten. Feste Arbeitszeiten, regelmäßiger Paycheck – und an den meisten Abenden zuhause. So kann man erkrankte Angehörige auch leichter zum Arzt begleiten oder im Krankenhaus besuchen. Manchmal brauchen die mehr als nur den Anruf vom Handy.

Auch hinter dem härtesten Cowboy, so stellen wir immer wieder fest, verbirgt sich ein Mensch mit Freunden und Familie. Ich meine: die Wahrnehmung und Selbstdarstellung unserer Branche muss dem besser gerecht werden. Auch Interim Manager brauchen mal Auszeiten, weil ihnen etwas über den Kopf gewachsen ist. Ein Interim Professional begeht keine Fahnenflucht, wenn er sich aus persönlichen oder familiären Motiven für eine Rückkehr in die Linie entscheidet. Kinder sind wichtiger als Kunden.

Insgesamt bin ich immer wieder erstaunt, wie selten Interim Professionals Einsätze vorzeitig beenden. Meist stehen sie sogar bei Verlängerungen ohne Umstände gern zur Verfügung. Häufig werden Urlaube verschoben oder verkürzt, dem Kunden zuliebe. Auch das Auskurieren von Erkrankungen wird oft auf die Zeit nach Projektabschluss vertagt. All das ist Normalität. Neulich fielen bei einer Kundenanfrage gleich zwei Manager bei der Kandidatenvorstellung aus. Ärgerlich für den Kunden, peinlich für ZMM. Aber sollten wir uns darüber aufregen? Es sind eben doch Menschen und keine Cowboys. Und das ist gut so. 

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2 Antworten auf Cowboys oder Menschen?

  1. Lieber Anselm,

    wie recht Du hast. Und so denke ich, daß es nicht nur die Variante ‚Rückkehr in die Festanstellung‘ sein kann, wenn die Familie ruft. Denn auch während eines Mandates oder prinzipiell als Interim Manager sollte das Fundament, also die Einbettung in die Familie, tragfähig sein.

    Nebenbei: wie viele festangestellte Manager sind am Wochenende zwar zu Hause, aber arg beschwert von Akten, die sie unbedingt am Wochenende noch fertig machen wollen oder fertig machen zu müssen glauben. Sie sind dann zwar da, aber nicht vorhanden. Werden sie gestört, reagieren sie oft auch unwirsch, weil sie gestört werden. Ich bin der Auffassung, daß sie, statt zu Hause zu sein, besser im Büro geblieben wären. Je höher die Stufe in der Hierarchie, die jemand erreicht hat, desto eher finden sich diese Verhältnisse. Vorstände von Publikumsgesellschaften haben sehr oft praktisch keine Freizeit. 10 Tage im Jahr mit der Familie in Dubai, die elektronischen Helferlein stets präsent; ich bin mir sicher, daß die Familie so etwas nicht als Urlaub ansieht. Oder vielleicht doch, weil sie nie etwas anderes kennengelernt hat.

    Und siehe erstens: auch für diese Verhältnisse hat der Beruf des Interim Managers durchaus seine Vorteile. Ich will das einmal für mich selber schildern.

    Das Jahr hat 52 Wochenenden, macht 104 Tage. Das Jahr hat 12 Feiertage. Im Jahr gibt es mindestens 3 Brückentage (Donnerstag oder Dienstag Feiertage). Und 20 Urlaubstage sollten es allein zur Erholung auch sein.

    Macht zusammen 139 Tage. Die sind für mich tabu, also ohne jede Projektarbeit. Als Interim Mager kann man seinen Kunden viel leichter klar machen, daß man zwischendurch auch mal nach Hause muß. Das fällt dem lokal wohnenden Manager deutlich schwerer, den er kann ja – prinzipiell – immer auf kurzem Weg dorthin.

    Es kommt folglich darauf an, sich selbst konsequent so zu organisieren, daß man diese 139 Tage tatsächlich nicht on the job ist. Das mache ich seit 20 Jahren so.

    Und siehe zweitens: Ich kennen keinen Manager, der auf den von mir ausgeübten Hierarchiestufen so viel Zeit fürs Private hat, wie ich. Ein Standard-Vorstand kann sich solch einen Luxus gar nicht leisten.

    Was nicht ohne weiteres geht, sind die schnellen Zuwendungen vor Ort. Aber ich hatte noch nie Probleme, meine kurzfristige Abreise aus dem Projekt kundzutun, wenn zu Hause wirklich etwas angebrannt war oder anzubrennen drohte. Solch spontane Rückreisen haben mich schon von allen Erdteilen binnen 24 Stunde zu Hause sein lassen (Ok. Australien hat etwas länger gedauert). Und alle hatten Verständnis, denn: ‚Oh ja, Sie sind ja interimistisch hier und da hat die Familie wenig von Ihnen‘.

    Wie Du siehst, lassen sich Vorurteile durch Richtungswechsel der Perspektive um 180 Grad auch positiv nutzen.

    Grüsse,

    Christoph

  2. Dr. Marei Strack sagt:

    Sehr geehrte Herren, liebe Kollegen,

    das Thema Vereinbarkeit der von uns allgemein erwarteten zeitlichen und räumlichen Flexibilität und Verfügbarkeit mit Familie und Privatleben trifft mich als bekennende Mutter von drei Kindern besonders. Zumal ich vor Ort beim Mandanten gerne in alte Verhaltensmuster aus der „Vor-Familien-Zeit“ zurückfalle, sprich Workcoholic-Syndrom mit überlangen Arbeitstagen. Insofern sind Mandate fern von zu Hause auch entlastend, weil man ohne schlechtes Gewissen und Diskussionen diesem Laster frönen darf, um dann zu Hause auch wirklich präsent zu sein, Herr Deinhard.

    Allerdings frage ich mich zunehmend ob es nicht auch zur Aura des gefragten Interim Managers gehört rund um die Uhr flexibel vom Nordkap bis nach Johannesburg (oder in Ost-West-Richtung) zu sein. Nicht wenige Anfragen enthalten noch nicht einmal das Bundesland und es scheint auch erwartet zu werden, dass dies keinerlei Rolle spielt.

    Exzessive Reisezeiten kann man aber auch bei Nutzung moderner Kommunikationsmittel eigentlich nur als Blindleistung sehen, deren Anteil an der Projektzeit so gering wie möglich sein sollte. Vermutlich aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks auf Seiten der Provider wie der Interim Manager ist es offenbar zur Zeit nicht möglich, den Vorteil einer gewissen räumlichen Nähe insbesondere in Mandaten oder Projektphasen, die keine Vollauslastung bedeuten, zu nutzen.

    In meiner eigenen Akquisition habe ich daher einen klaren Schwerpunkt in Europas größter Industrie- und Gewerberegion (Rhein-Ruhr) gesetzt, bin aber gerade erst für ein sehr interessantes Gespräch an die tschechische Grenze gefahren. Soweit zu den guten Vorsätzen 😉

    Viele Grüße aus Neuss

    Marei Strack

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